Mathematik · Stochastik

Das Geburtstagsparadoxon leicht erklärt

In einer Klasse mit 23 Schülern liegt die Wahrscheinlichkeit, dass zwei am selben Tag Geburtstag haben, bei über 50 Prozent. Das klingt falsch — bei 365 Tagen im Jahr. Der Denkfehler steckt in der Frage, die man sich unbewusst stellt.

P(mindestens ein Paar) = 1 − (365/365 · 364/365 · 363/365 · … ) bequemer über das Gegenereignis: erst „alle verschieden" ausrechnen, dann von 1 abziehen
Fachbegriffe

Gegenereignis — das Gegenteil des gesuchten Ereignisses. P(A) = 1 − P(nicht A).
Laplace-Wahrscheinlichkeit — günstige durch mögliche Fälle, wenn alle gleich wahrscheinlich sind.
Unabhängige Ereignisse — Wahrscheinlichkeiten werden multipliziert.
Paarbildung — bei n Personen gibt es n(n−1)/2 mögliche Paare.

Der eigentliche Grund: es geht um Paare

Die meisten denken: „Wie wahrscheinlich ist es, dass jemand an meinem Geburtstag Geburtstag hat?" Das ist tatsächlich selten. Gefragt ist aber, ob irgendein Paar zusammenpasst — und Paare gibt es viel mehr, als man vermutet.

Anzahl möglicher Paare bei n Personen: n · (n − 1) ÷ 2

bei 10 Personen: 45 Paare
bei 23 Personen: 253 Paare
bei 40 Personen: 780 Paare

253 Gelegenheiten für einen Treffer — so gesehen sind 50 Prozent nicht mehr überraschend, sondern plausibel.

Wahrscheinlichkeit für mindestens einen gemeinsamen Geburtstag
PersonenWahrscheinlichkeit
1011,7 %
2041,1 %
2350,7 %
3070,6 %
5097,0 %
7099,9 %

💬 Mia fragt Opa Theo

Mia

Aber ein Jahr hat doch 365 Tage! Da müssten es mindestens 183 Leute sein.

Opa Theo

Das wäre die Antwort auf eine andere Frage — nämlich ob jemand an deinem Geburtstag Geburtstag hat. Dafür bräuchte man tatsächlich rund 253 Personen für 50 Prozent.

Mia

Und hier zählt jedes Paar?

Opa Theo

Genau. Bei 23 Leuten sind das 253 Paare — jedes davon ist eine Chance auf einen Treffer.

So wird gerechnet

Wahrscheinlichkeit, dass alle verschieden sind:
365/365 · 364/365 · 363/365 · … · 343/365 ≈ 0,4927

Gesucht ist das Gegenteil:
1 − 0,4927 = 0,5073, also 50,7 %
Typische Fehler

Die falsche Frage beantwortet. „Jemand hat an meinem Geburtstag Geburtstag" ist etwas völlig anderes.
Wahrscheinlichkeiten addiert. Bei unabhängigen Ereignissen wird multipliziert.
Direkt statt über das Gegenereignis gerechnet. Der direkte Weg erfordert das Aufsummieren sehr vieler Fälle und ist praktisch nicht machbar.
Den 29. Februar zum Problem erklärt. Er verschiebt das Ergebnis um weniger als ein Zehntel Prozentpunkt.

Übungsaufgabe

Berechne die Wahrscheinlichkeit für mindestens einen gemeinsamen Geburtstag in einer Gruppe von 5 Personen. Erkläre, warum die Zahl so viel kleiner ist als bei 23.

Lösung anzeigen

Alle verschieden: 365/365 · 364/365 · 363/365 · 362/365 · 361/365 ≈ 0,9729
Mindestens ein Paar: 1 − 0,9729 = 2,7 %

Bei 5 Personen gibt es nur 5 · 4 ÷ 2 = 10 mögliche Paare, bei 23 Personen dagegen 253. Die Zahl der Paare wächst quadratisch mit der Gruppengröße, nicht linear — deshalb steigt die Wahrscheinlichkeit so schnell an.

Die Rechnung Schritt für Schritt

Warum genau 23 Personen reichen, lässt sich in wenigen Zeilen nachrechnen - vorausgesetzt, man rechnet über das Gegenereignis. Die Frage lautet also nicht "Wie wahrscheinlich ist ein Treffer?", sondern "Wie wahrscheinlich ist es, dass alle verschiedene Geburtstage haben?"

Die erste Person darf sich einen beliebigen Tag aussuchen, das passt immer: 365 von 365. Für die zweite bleiben 364 freie Tage, für die dritte 363, und so weiter. Für n Personen ergibt das das Produkt (365 ÷ 365) · (364 ÷ 365) · ... · ((366 − n) ÷ 365). Bei n = 23 kommt dabei rund 0,4927 heraus. Die gesuchte Wahrscheinlichkeit ist das Gegenteil davon, also 1 − 0,4927 = 0,5073, gut 50,7 Prozent. Bei 22 Personen liegt der Wert noch bei 47,6 Prozent - deshalb ist 23 die kleinste Zahl, die über die Hälfte kommt.

Wie es weitergeht

Die Kurve steigt danach überraschend schnell. Bei 30 Personen liegt die Wahrscheinlichkeit schon bei 70,6 Prozent, bei 41 bei über 90 Prozent, bei 57 bei 99 Prozent und bei 70 Personen bei 99,9 Prozent. Erst bei 366 Personen erreicht sie sichere 100 Prozent, denn dann muss nach dem Schubfachprinzip mindestens ein Tag doppelt belegt sein. Zwischen "so gut wie sicher" und "wirklich sicher" liegen also fast 300 Personen - und dieser lange, flache Ausläufer ist der Grund, warum die Intuition hier so danebenliegt: Wir denken an die 366, obwohl das Interessante längst bei 23 passiert. Nebenbei sind echte Geburtstage nicht ganz gleichmäßig über das Jahr verteilt; im Spätsommer werden mehr Kinder geboren als im Winter. Diese Ungleichverteilung macht Übereinstimmungen sogar noch etwas wahrscheinlicher, verschiebt die Schwelle aber nur um Bruchteile.

Für die Klassenarbeit ist vor allem der Rechenweg wichtig: Erst das Gegenereignis, dann abziehen. Direkt zu rechnen, wie viele Paare treffen könnten, führt in ein Gestrüpp aus Doppelzählungen, weil sich auch drei oder mehr Personen einen Tag teilen können. Der Umweg über "alle verschieden" umgeht das vollständig.

🎥 In unter zwei Minuten erklärt – als Short auf unserem YouTube-Kanal.

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Dasselbe Prinzip heißt in der Informatik Geburtstagsangriff: Es ist viel leichter, irgendzwei Dateien mit gleichem Hashwert zu finden als eine zu einem vorgegebenen. Deshalb müssen Hashfunktionen doppelt so viele Bits haben, wie man naiv annehmen würde.

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