Geschichte - 20. Jahrhundert

Der Erste Weltkrieg (1914–1918) leicht erklärt

Der Erste Weltkrieg dauerte von 1914 bis 1918 und war der erste Krieg, der wirklich die ganze Welt betraf: Millionen Soldaten aus Europa, aber auch aus den Kolonien in Afrika und Asien sowie aus Nordamerika kämpften gegeneinander. Rund 17 Millionen Menschen starben, Millionen weitere wurden verletzt oder blieben ihr Leben lang traumatisiert. Zeitgenossen nannten ihn den „Großen Krieg", spätere Historiker sprechen oft von der „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts" - weil er den Boden für viele Konflikte bereitete, die danach kamen, allen voran den Zweiten Weltkrieg. Wer verstehen will, warum das 20. Jahrhundert so gewaltsam verlief, muss beim Ersten Weltkrieg anfangen.

Der Krieg hatte nicht nur einen Grund, sondern ein ganzes Bündel von Ursachen, die sich über Jahrzehnte aufgebaut hatten. Ein zentraler Faktor war das System aus Bündnissen, das Europa in zwei bewaffnete Lager spaltete: Auf der einen Seite stand der Dreibund aus dem Deutschen Reich, Österreich-Ungarn und Italien, auf der anderen die Triple Entente aus Frankreich, Russland und Großbritannien. Diese Bündnisse waren eigentlich zur Absicherung gedacht - im Ernstfall sollte jedes Land Unterstützung von seinen Partnern bekommen. Genau das wurde ihnen aber zum Verhängnis: Ein Konflikt zwischen nur zwei Staaten konnte durch die Bündnisverpflichtungen wie ein Dominoeffekt fast automatisch zu einem europaweiten Krieg werden.

Hinzu kam ein aufgeheizter Nationalismus - ein Begriff für die Überzeugung, die eigene Nation sei besonders wichtig oder anderen überlegen, verbunden mit dem Wunsch nach einem starken, geeinten Nationalstaat. In Frankreich war das eng verbunden mit dem Wunsch nach Revanche für die Niederlage von 1871, als Deutschland die Regionen Elsass und Lothringen annektiert hatte. Auf dem Balkan wiederum wollten viele slawische Völker sich von der Herrschaft Österreich-Ungarns lösen und sich einem großen serbischen Staat anschließen - Serbien wurde deshalb für Wien zu einem ständigen Unruheherd direkt an der eigenen Grenze.

Ein dritter wichtiger Baustein war das Wettrüsten, vor allem zwischen dem Deutschen Reich und Großbritannien. Deutschland baute unter Kaiser Wilhelm II. gezielt eine große Kriegsflotte auf, um mit der britischen Royal Navy konkurrieren zu können - für Großbritannien, dessen Weltmachtstellung ganz wesentlich auf seiner Flotte beruhte, war das eine direkte Bedrohung. Beide Seiten bauten immer mehr und immer modernere Schlachtschiffe, die sogenannten Dreadnoughts, und steigerten sich gegenseitig in ein Rüstungswettrennen hinein, das Misstrauen und die Angst vor einem möglichen Krieg immer weiter anheizte. Auch die Landheere in Frankreich, Russland und Deutschland wuchsen in diesen Jahren stark an.

Dazu kamen Konflikte um Kolonien und Einflusszonen außerhalb Europas. Die europäischen Großmächte konkurrierten in Afrika und Asien um Gebiete, Rohstoffe und Absatzmärkte; besonders die beiden Marokkokrisen 1905 und 1911, bei denen Deutschland und Frankreich fast aneinandergeraten wären, zeigten, wie leicht ein Kolonialstreit zu einer echten internationalen Krise eskalieren konnte. Keiner dieser vier Faktoren - Bündnissysteme, Nationalismus, Wettrüsten, Kolonialkonflikte - hätte für sich allein zwangsläufig zu einem Weltkrieg geführt. Zusammen aber schufen sie eine Lage, in der schon ein einzelner Funke ausreichen konnte, um ganz Europa in Brand zu setzen.

28.6.1914 Attentat Sarajevo 28.7.1914 Kriegsbeginn 1916 Verdun & Somme 1917 USA treten ein 11.11.1918 Waffenstillstand

Von der Julikrise über die großen Materialschlachten bis zum Waffenstillstand - der Versailler Vertrag folgte wenige Monate später.

Dieser Funke war das Attentat von Sarajevo. Am 28. Juni 1914 erschoss der bosnisch-serbische Nationalist Gavrilo Princip den österreichisch-ungarischen Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und seine Frau Sophie bei einem Staatsbesuch in Sarajevo. Wichtig für das Verständnis: Das Attentat war der Auslöser des Krieges, nicht seine Ursache. Ein Auslöser ist das unmittelbare Ereignis, das eine bereits angespannte Situation zum Kippen bringt; die Ursachen dagegen sind die tieferliegenden, langfristigen Bedingungen, die diese Situation überhaupt erst geschaffen haben - in diesem Fall eben Bündnissysteme, Nationalismus, Wettrüsten und Kolonialkonflikte. Ohne das Attentat wäre der Krieg vielleicht später oder aus einem anderen Anlass ausgebrochen, aber die Grundspannung in Europa bestand schon lange vorher.

Nach dem Attentat stellte Österreich-Ungarn, von Deutschland ermutigt, Serbien ein extrem hartes Ultimatum. Serbien akzeptierte fast alle Forderungen, aber nicht alle - und das genügte Wien als Vorwand. Am 28. Juli 1914 erklärte Österreich-Ungarn Serbien den Krieg. Jetzt griffen die Bündnisse: Russland mobilisierte sein Heer, um seinem Schützling Serbien beizustehen, Deutschland erklärte daraufhin Russland und wenig später auch Frankreich den Krieg. Um Frankreich schnell auszuschalten, marschierten deutsche Truppen durch das neutrale Belgien - das wiederum brachte Großbritannien in den Krieg, das die Neutralität Belgiens garantiert hatte. Innerhalb weniger Wochen war aus einem regionalen Konflikt auf dem Balkan ein europäischer Krieg geworden, an dem bald auch Kolonien und weitere Staaten wie das Osmanische Reich beteiligt waren.

Die meisten Beteiligten waren überzeugt, der Krieg werde nur wenige Monate dauern - „Weihnachten sind die Jungs wieder zuhause", hieß es. Es kam anders. Im Westen erstarrte die Front schon Ende 1914 zu einem Stellungskrieg: Auf hunderten Kilometern gruben sich beide Seiten in Schützengräben ein, dazwischen lag das sogenannte Niemandsland, ein von Granattrichtern zerpflügter Streifen, den Angriffe kaum je dauerhaft überwinden konnten. Materialschlachten wie bei Verdun 1916 (schätzungsweise 700.000 Tote und Verwundete auf beiden Seiten, ohne dass sich die Frontlinie nennenswert verschob) oder an der Somme im selben Jahr zeigten auf schreckliche Weise, wie der Krieg zu einem industriellen Vernichtungskampf geworden war. Neue Waffen machten das Sterben noch effizienter: Schon ab 1915 setzten beide Seiten Giftgas ein, ab 1916 kamen erste Panzer hinzu, um den Stellungskrieg zu durchbrechen, und deutsche U-Boote versenkten im sogenannten uneingeschränkten U-Boot-Krieg auch Handelsschiffe, um Großbritannien von Nachschub abzuschneiden.

Genau dieser uneingeschränkte U-Boot-Krieg wurde den Deutschen zum Verhängnis, denn er kostete auch amerikanische Menschenleben und Schiffe. Zusammen mit dem sogenannten Zimmermann-Telegramm - einer abgefangenen deutschen Nachricht, die Mexiko im Falle eines Kriegseintritts der USA ein Bündnis anbot - brachte das die USA im April 1917 dazu, dem Deutschen Reich den Krieg zu erklären. Der amerikanische Kriegseintritt gilt als Wendepunkt: Die USA brachten frische Truppen, enorme wirtschaftliche Ressourcen und Rohstoffe in den Krieg, während die Mittelmächte (Deutschland, Österreich-Ungarn und ihre Verbündeten) durch die alliierte Seeblockade zunehmend ausgehungert und erschöpft waren.

💬 Mia fragt Opa Theo

Mia

Aber war nicht das Attentat auf den Erzherzog der Grund für den ganzen Krieg?

Opa Theo

Das ist ein weit verbreitetes Missverständnis! Das Attentat war der Auslöser - der Funke, der das Fass zum Überlaufen brachte. Die eigentlichen Ursachen lagen viel tiefer: die verfeindeten Bündnisse, das Wettrüsten, der Nationalismus. Ohne diese angespannte Lage hätte ein einzelner Mord wohl kaum einen Weltkrieg auslösen können.

Mia

Aber wieso wurde daraus gleich ein Krieg in ganz Europa, wenn es doch erstmal nur um Österreich-Ungarn und Serbien ging?

Opa Theo

Genau das war das Problem mit den Bündnissen. Russland fühlte sich verpflichtet, Serbien zu helfen, Deutschland stand fest zu Österreich-Ungarn, Frankreich war mit Russland verbündet, und als deutsche Truppen durch Belgien marschierten, musste auch Großbritannien eingreifen. Ein Stein brachte eine Lawine ins Rollen, weil jedes Land an das nächste gekettet war.

Mia

Warum hat der Krieg dann so lange gedauert, wenn beide Seiten doch dachten, es geht schnell?

Opa Theo

Weil sich niemand auf einen Stellungskrieg mit Maschinengewehren, Stacheldraht und Artillerie vorbereitet hatte. Die Verteidigung war der neuen Technik weit überlegen, jeder Angriff kostete enorme Verluste für wenige Meter Boden. Erst als 1917 frische amerikanische Truppen dazukamen und die Mittelmächte am Ende ihrer Kräfte waren, kippte das Gleichgewicht endgültig.

Im Herbst 1918 brach die Front der Mittelmächte an mehreren Stellen zusammen. In Deutschland selbst kam es zur Novemberrevolution: Matrosen in Kiel meuterten Ende Oktober, Streiks und Aufstände breiteten sich im ganzen Land aus. Am 9. November 1918 verkündete die Reichsregierung die Abdankung Kaiser Wilhelms II., der wenig später in die Niederlande floh, und der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann rief die Republik aus. Zwei Tage später, am 11. November 1918, unterzeichnete die neue deutsche Regierung im Wald von Compiègne den Waffenstillstand. Der Krieg war vorbei - aber der Frieden musste erst noch verhandelt werden.

Dieser Frieden wurde 1919 in Versailles bei Paris ausgehandelt, allerdings ohne Beteiligung der unterlegenen Mittelmächte, die die Bedingungen im Wesentlichen nur noch unterschreiben mussten. Der Versailler Vertrag enthielt in Artikel 231 den sogenannten Kriegsschuldparagraphen, der Deutschland und seinen Verbündeten die alleinige Verantwortung für den Ausbruch des Krieges zuschrieb. Auf dieser Grundlage musste Deutschland hohe Reparationszahlungen leisten, Gebiete abtreten (etwa Elsass-Lothringen zurück an Frankreich sowie Teile im Osten an das wiedererstandene Polen), alle Kolonien verlieren und sein Militär drastisch verkleinern. Der Vertrag wurde - mit einer symbolträchtigen Fügung - genau fünf Jahre nach dem Attentat von Sarajevo, am 28. Juni 1919, unterzeichnet. Viele Historiker sehen in diesem Vertrag - vor allem in der als demütigend empfundenen Kriegsschuldfrage und in den harten wirtschaftlichen Folgen - einen wichtigen Nährboden für Ressentiment und politische Radikalisierung in der Weimarer Republik, auf dem später Bewegungen wie der Nationalsozialismus aufbauen konnten. Das ist zugleich die Brücke zum Zweiten Weltkrieg, der ohne diese Vorgeschichte kaum zu verstehen ist.

Wichtig für die Oberstufe

Attentat von Sarajevo = Auslöser, nicht Ursache! In Klausuren wird diese Unterscheidung oft ausdrücklich verlangt: Die Ursachen (Bündnissysteme, Nationalismus, Wettrüsten, Kolonialkonflikte) bestanden schon lange vor 1914, das Attentat am 28. Juni 1914 hat die längst angespannte Lage nur zum Kippen gebracht. Ebenso wichtig: Artikel 231 des Versailler Vertrags, der Kriegsschuldparagraph.

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