Biologie - Mikrobiologie

Viren leicht erklärt

Viren sind keine Lebewesen. Sie haben keinen Stoffwechsel, keine Zelle und können sich nicht selbst vermehren. Sie bestehen im Kern aus Erbinformation in einer Eiweißhülle — und funktionieren nur, wenn sie eine fremde Zelle finden.

Erbinformation + Proteinhülle keine Zelle, kein Stoffwechsel, keine eigene Vermehrung
Fachbegriffe

Kapsid — die Proteinhülle um das Erbmaterial.
Hülle — bei manchen Viren zusätzlich eine Membran aus der Wirtszelle. Seife zerstört sie.
Wirtszelle — die Zelle, die das Virus für die Vermehrung nutzt.
Lytischer Zyklus — die Zelle platzt und gibt neue Viren frei.
Lysogener Zyklus — das Virusgenom ruht im Erbgut der Zelle und wird mitvermehrt.
Wirtsspezifität — ein Virus passt nur zu bestimmten Zelltypen, wie Schlüssel und Schloss.

Der Vermehrungsweg

Fünf Schritte
SchrittWas passiert
1. AnheftungDas Virus dockt an einen passenden Rezeptor der Zelle an
2. EinschleusungErbmaterial gelangt ins Zellinnere
3. ÜbernahmeDie Zelle liest die Virus-Information wie ihre eigene
4. ZusammenbauAus den Bausteinen entstehen neue Viren
5. FreisetzungDie Zelle platzt oder schnürt die Viren ab

Aus einer einzigen infizierten Zelle können je nach Virustyp einige Hundert bis mehrere Tausend neue Viren hervorgehen. Das erklärt, warum sich eine Infektion innerhalb von Stunden ausbreiten kann.

💬 Mia fragt Opa Theo

Mia

Warum helfen Antibiotika bei Grippe nicht?

Opa Theo

Weil sie Bakterien angreifen — deren Zellwand oder deren Ribosomen. Ein Virus hat weder das eine noch das andere. Da ist nichts zum Angreifen.

Mia

Und warum wirkt Händewaschen so gut?

Opa Theo

Bei behüllten Viren löst Seife die Fetthülle auf. Ohne Hülle kann das Virus nicht mehr andocken.

Typische Fehler

Viren als Lebewesen bezeichnet. Ohne eigenen Stoffwechsel erfüllen sie die Kennzeichen des Lebens nicht.
Antibiotika gegen Viren. Wirkungslos und fördert Resistenzen.
Virus mit Bakterium verwechselt. Ein Bakterium ist rund hundertmal größer und eine vollständige Zelle.
„Impfung macht sofort immun." Das Immunsystem braucht ein bis drei Wochen zum Aufbau des Schutzes.

Übungsaufgabe

Begründe, warum es gegen Grippe jedes Jahr eine neue Impfung gibt, gegen Masern aber nicht.

Lösung anzeigen

Grippeviren verändern ihre Oberflächeneiweiße laufend. Kleine Mutationen häufen sich an (Antigendrift), und beim gleichzeitigen Befall einer Zelle durch zwei Virustypen können ganze Genabschnitte getauscht werden (Antigenshift). Die Antikörper vom Vorjahr passen dann nicht mehr, weil sie auf die alte Oberfläche zugeschnitten waren.

Das Masernvirus ist dagegen genetisch sehr stabil und besitzt nur einen Serotyp. Die einmal gebildeten Antikörper passen lebenslang. Deshalb genügen zwei Impfungen im Kindesalter.

Wie ein Virus eine Zelle kapert

Ein Virus kann nichts selbst - es kann nur andere Zellen dazu bringen, es nachzubauen. Dieser Ablauf ist bei fast allen Viren derselbe und lässt sich in fünf Schritte zerlegen.

Zuerst kommt das Andocken. Auf der Oberfläche des Virus sitzen Eiweiße, die genau zu bestimmten Strukturen auf der Zelloberfläche passen - wie ein Schlüssel zu einem Schloss. Nur wo dieses Schloss vorhanden ist, kann das Virus überhaupt ansetzen. Danach folgt das Eindringen: Entweder verschmilzt die Virushülle mit der Zellmembran, oder die Zelle nimmt das Virus versehentlich auf, weil sie es für Nahrung hält. Im dritten Schritt, dem Umprogrammieren, wird das Erbmaterial freigesetzt. Die Zelle unterscheidet nicht zwischen eigenen und fremden Bauanleitungen und beginnt, die Virusgene abzulesen. Es folgt der Nachbau: Die Zelle produziert Virusbausteine im Akkord, die sich anschließend von selbst zu neuen Viren zusammensetzen. Am Ende steht die Freisetzung - entweder platzt die Zelle, oder die neuen Viren schnüren sich einzeln ab und nehmen dabei ein Stück Zellmembran als Hülle mit.

Sofort oder später: zwei Strategien

Nicht jedes Virus legt gleich los. Beim lytischen Weg beginnt die Produktion sofort, die Zelle stirbt innerhalb von Stunden, und man wird schnell krank. Beim lysogenen Weg baut das Virus sein Erbmaterial dagegen in das der Zelle ein und bleibt dort stumm liegen, manchmal jahrelang. Die Zelle lebt weiter und gibt das eingebaute Virus sogar an ihre Tochterzellen weiter. Erst wenn etwas den Schalter umlegt - Stress, eine andere Infektion, ein geschwächtes Immunsystem -, springt das Virus in den lytischen Weg um. Genau das steckt hinter Lippenherpes: Das Virus verschwindet nie ganz, es wartet in Nervenzellen. Und dieselbe Fähigkeit erklärt, warum in unserem Erbgut so viele alte Virusreste stecken - sie wurden eingebaut und nie wieder entfernt.

Aus dem Schlüssel-Schloss-Prinzip beim Andocken folgt auch die Wirtsspezifität. Ein Virus, das auf Vogelzellen passt, kann mit einer menschlichen Zelle meist nichts anfangen. Verändert sich das Oberflächeneiweiß durch Mutation aber so, dass es plötzlich auch auf das menschliche Schloss passt, kann ein Erreger die Artgrenze überspringen. Genau solche Sprünge beobachten Fachleute bei Grippeviren besonders aufmerksam.

Etwa acht Prozent des menschlichen Erbguts stammen von Viren, die sich vor Millionen Jahren eingebaut haben. Eines dieser Gene wird heute für die Bildung der Plazenta gebraucht.

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