Chemie - Kernchemie

Radioaktivität leicht erklärt

Radioaktivität heißt: Ein Atomkern ist instabil und wandelt sich um. Dabei sendet er Strahlung aus. Das passiert von selbst, ohne Auslöser — man kann es weder anschalten noch abschalten.

N(t) = N₀ · (1/2)t / T N₀ Anfangsmenge · T Halbwertszeit · nach jeder Halbwertszeit bleibt die Hälfte
Fachbegriffe

Alphastrahlung — Heliumkerne. Stark ionisierend, aber schon von Papier gestoppt.
Betastrahlung — Elektronen oder Positronen. Wird von wenigen Millimetern Aluminium aufgehalten.
Gammastrahlung — energiereiche elektromagnetische Wellen. Braucht Blei oder Beton.
Halbwertszeit — die Zeit, nach der die Hälfte der Kerne zerfallen ist.
Becquerel (Bq) — Zerfälle pro Sekunde, die Aktivität.
Sievert (Sv) — die biologische Wirkung auf den Körper.

Die drei Strahlungsarten

Was wovon aufgehalten wird
ArtTeilchenAbschirmungGefahr
Alpha (α)2 Protonen + 2 NeutronenBlatt Papier, Hautgering von außen, hoch beim Einatmen
Beta (β)Elektroneinige mm Aluminiummittel
Gamma (γ)Photondickes Blei, Betondurchdringt den ganzen Körper

Der scheinbare Widerspruch bei Alpha löst sich so auf: Von außen kommt die Strahlung nicht durch die Haut. Wird das Material aber eingeatmet oder verschluckt, gibt es keine Schutzschicht mehr — und dann ist gerade Alpha besonders schädlich, weil es seine Energie auf kurzer Strecke abgibt.

Jod-131 hat eine Halbwertszeit von 8 Tagen. Start: 800 MBq

nach 8 Tagen: 400 MBq
nach 16 Tagen: 200 MBq
nach 24 Tagen: 100 MBq
nach 40 Tagen: 25 MBq

💬 Mia fragt Opa Theo

Mia

Wird das denn irgendwann ganz null?

Opa Theo

Rechnerisch nie — es bleibt immer die Hälfte der Hälfte. Praktisch ist nach zehn Halbwertszeiten weniger als ein Tausendstel übrig.

Mia

Und warum ist eine kurze Halbwertszeit gefährlicher?

Opa Theo

Weil in derselben Zeit viel mehr Kerne zerfallen. Etwas mit Millionen Jahren Halbwertszeit strahlt kaum — es hat es nicht eilig.

Typische Fehler

„Nach zwei Halbwertszeiten ist alles weg." Es ist ein Viertel übrig, nicht null.
Lange Halbwertszeit für gefährlicher gehalten. Umgekehrt: kurze Halbwertszeit bedeutet hohe Aktivität.
Becquerel und Sievert verwechselt. Bq zählt Zerfälle, Sv beschreibt die Wirkung im Gewebe.
Bestrahlte Lebensmittel für radioaktiv gehalten. Bestrahlung tötet Keime, hinterlässt aber keine Strahlung.

Übungsaufgabe

Eine Probe Cäsium-137 (Halbwertszeit 30 Jahre) hat heute 640 Bq. Wie hoch war die Aktivität vor 90 Jahren, und wie hoch ist sie in 60 Jahren?

Lösung anzeigen

90 Jahre sind drei Halbwertszeiten rückwärts, also dreimal verdoppeln:
640 · 2³ = 5120 Bq

60 Jahre sind zwei Halbwertszeiten vorwärts:
640 ÷ 2² = 160 Bq

Cäsium-137 ist genau deshalb nach Reaktorunfällen so problematisch: Die 30 Jahre sind lang genug, dass es über Jahrzehnte im Boden bleibt, und kurz genug, dass es dabei kräftig strahlt.

Wie man Strahlung misst

Bei Radioaktivität werden drei Einheiten leicht verwechselt, und sie messen tatsächlich drei völlig verschiedene Dinge.

Das Becquerel (Bq) misst die Aktivität einer Probe: ein Becquerel bedeutet ein Kernzerfall pro Sekunde. Das sagt etwas über das Material aus, aber nichts darüber, was die Strahlung anrichtet. Das Gray (Gy) misst die Energiedosis, also wie viel Energie tatsächlich in einem Kilogramm Gewebe hängen bleibt. Und das Sievert (Sv) misst die Wirkung auf den Körper. Es rechnet zusätzlich ein, dass Alphastrahlung im Inneren des Körpers rund zwanzigmal mehr Schaden anrichtet als dieselbe Energiemenge Beta- oder Gammastrahlung. Für alles, was mit Gesundheit zu tun hat, ist deshalb das Sievert die richtige Einheit.

Größenordnungen zum Einordnen

In Deutschland bekommt jeder Mensch etwa 2 bis 3 Millisievert im Jahr aus natürlichen Quellen ab - aus dem Boden, aus Baustoffen, aus der Nahrung und aus dem Weltall. Ein Flug von Frankfurt nach New York bringt ungefähr 0,05 Millisievert zusätzlich, weil in Reiseflughöhe weniger Atmosphäre über einem liegt. Eine Röntgenaufnahme des Brustkorbs liegt bei etwa 0,02 Millisievert, eine Computertomografie des Bauchraums je nach Gerät bei 5 bis 20 Millisievert - also beim Mehrfachen der natürlichen Jahresdosis. Für beruflich strahlenexponierte Personen gilt in Deutschland eine Obergrenze von 20 Millisievert im Jahr. Diese Zahlen helfen bei der wichtigsten Einordnung überhaupt: Strahlung ist nichts, was es nur in Kernkraftwerken gibt. Sie ist ständig da, und die entscheidende Frage ist immer, wie viel.

Schützen kann man sich auf drei Arten, und alle drei folgen aus dem, was oben über die Strahlungsarten steht: Abstand, denn die Intensität nimmt mit dem Quadrat der Entfernung ab - doppelter Abstand bedeutet ein Viertel der Strahlung. Abschirmung, wobei Papier für Alpha reicht, Aluminium für Beta, und für Gamma dicke Schichten Blei oder Beton nötig sind. Und Zeit, denn die aufgenommene Dosis wächst einfach mit der Dauer des Aufenthalts. Gemessen wird meist mit einem Geiger-Müller-Zählrohr, das jeden einzelnen Zerfall als Knacken hörbar macht.

Natürliche Strahlung ist überall — aus Boden, Baustoffen, Nahrung und dem Weltall. In Deutschland liegt die durchschnittliche Belastung bei etwa 2,1 Millisievert im Jahr, in einigen Alpentälern beim Doppelten.

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